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Nils Mohl, Engel der letzten Nacht

erschienen bei Fischer Sauerländer

„Engel der letzten Nacht“ aus dem Fischer Sauerländer Verlag, geschrieben von  Nils Mohl, handelt von dem Abiturienten Kester, der sich eine für ihn existentielle Frage stellt:  Wie sieht die „Nacht der Nächte“ aus? Und vor allem: Wie endet sie? Kester hat die „Nacht der Nächte“ in einem Gespräch als ultimativen Exzess definiert und zur Bedingung gemacht, dass sie auch mit einem Knall beendet sein muss  - mit dem Tod. Denn nur so ist garantiert, dass diese Nacht wahrlich einzigartig ist.  

Eine gefährliche Logik, denn Kester sieht trotz seines jungen Alters im Leben per se keine Chance mehr. Der Grund für diesen Gedankengang: Kester ist eigentlich der Vorzeigestreber. Doch was ist noch übrig, wenn die Definitionsgrundlage namens Schule auf einmal vorüber ist? Was bleibt von den Gewissheiten und Freundschaften übrig? Was ist, wenn sich alles verändert und wenn Blanka, Kesters beste Freundin, aufgrund  einer Diagnose, die man niemandem wünscht, zu einem völlig anderen Leben gezwungen wird? Diese Kombination verursacht einen mentalen Zustand, der es Kester unmöglich macht, sich selbst überhaupt in einer Zukunft zu sehen. Also fährt er mit dem Auto nach Hamburg, um dort einen drauf zu machen, in einen für ihn besonderen Club zu gehen und dann zu sterben. Doch in dieser Nacht trifft er auf vier Menschen und auf Bruno – der ist ein Engel. Oder doch nicht?

„Engel der letzten Nacht“  ist nicht eine, sondern vier Varianten der Geschichte in einer. Viermal wird Kesters „Nacht der Nächte“ wieder erzählt, aber immer anders, in einer anderen Version mit immer mehr Zeit und Kontext, die erlauben, das Davorgeschehene  anders zu betrachten. Ein außergewöhnlicher Text, der immer wieder überrascht!

Der Hamburger Schriftsteller und Lyriker Nils Mohl, mit zahlreichen Auszeichnungen für seine Werke bedacht, ist einer der herausragenden Autoren der Gegenwart. Seine Romane, Erzählungen und Gedichte sind vielschichtig und zugänglich zugleich und er überzeugt immer wieder mit besonderen Themen.  Am Mittwoch, den 30. September 2026, liest Nils Mohl im Evangelischen Schulzentrum Muldental in Großbardau aus seinem Roman „Pepper“.

 Jonas aus EVAs Leseclub [9/26]


Angelika Klüssendorf, Trost

 

erschienen bei Piper

Rita und Joachim, beide jenseits der sechzig, führten seit elf  Jahren eine Fernbeziehung. Eines  Wintermorgens, an dem Rita ihr Alleinsein genießt, öffnet sie in Erwartung eines schönen Tages das Fenster und wird von einem Insekt in den Rachen gestochen. Die Luftröhre schwillt an und sie kann nicht  mehr atmen. Man findet sie zwar, doch der Sauerstoffzufuhr zum Gehirn war zu lange unterbrochen, so dass Rita ab da im Koma liegt und künstlich beatmet werden muss. Die Chancen auf eine Rückkehr ins Leben stehen schlecht.  Alle Menschen in ihrer Umgebung  bemerken, wie sehr sie fehlt.

Von da an wechselt der Roman die Perspektive. Nacheinander – die Kapitel mit dem Namen des jeweiligen Protagonisten überschrieben – lernen wir Ritas Umfeld kennen. Ihren Partner Joachim,  der Rita einstmals abgöttisch liebte und doch schon Wochen vor dem Unglück spürte,  dass Genervtsein vom anderen und kleine Alltagsreibereien in ihrer Beziehung  die Oberhand gewann. Nun quält ihn schlechtes Gewissen.

Joachims Tochter Jane, die zu Rita eine engere Bindung hatte als zu Ihrer süchtigen leiblichen Mutter, spürt den Verlust ihrer Vertrauten sehr schmerzhaft. Sie ist 17, hat sich gerade mit ihrer Freundin entzweit und hat keinerlei Energie mehr. Sie verweigert sich den Anforderungen ihres Umfeldes und schwänzt das Abitur.

Im Haus nebenan wohnt Herr Sperling, der jeden Vogel am Gesang erkennt und Ritas Hühner liebevoll umsorgt.  Er kann gut zuhören, wenn die Seele schwer wird, und gibt damit Zuversicht. In solchen kleinen Dingen liegt der Trost für scheinbar aussichtlose Schicksalsschläge. Trost ist ein Roman der Begegnungen und Trennungen und zeigt das zutiefst menschliche Bedürfnis nach Zugehörigkeit.

 [Marlies Günther 8/26]


Rachel Joyce, Sommerhaus

übersetzt von Karl-Heinz Ebnet

Thiele Verlag

In ihrem neuen Roman nimmt uns Rachel Joyce, Autorin des Welterfolgs „Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry“, mit in den Piemont, an die malerische Küste des Lago d`Orla. Im Mittelpunkt stehen die vier erwachsenen Geschwister, die nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters im Sommerhaus der Familie zusammen kommen und sich ihrer Familiengeschichte stellen.

Vic Kemp, ein erfolgreicher Künstler, eröffnet seinen Kindern, dass er sich in die fünfzig Jahre jüngere Bella-Mae verliebt hat und sie heiraten wird. Seine Kinder sind entsetzt und sie haben Bella-Mae noch nicht einmal kennengelernt, da bekommen sie die Nachricht, das Vic im See, den er wie seine Westentasche kennt, ertrunken ist. Wie konnte das geschehen? Steckt Belle-Mae dahinter? Die Geschwister reisen ins Sommerhaus und treffen dort auf die mysteriöse und geheimnissvolle Witwe und deren Cousin Laszlo. Es gibt keine Zeugen, kein Testament und das letzte Bild, an dem Vic gearbeitet hat, ist auch verschwunden.

Die Geschwister haben viele Fragen, doch Bella-Mae gelingt es, den Fragen auszuweichen und ihrerseits Fragen zu stellen. So kommt die verborgene Familiengeschichte ans Licht. Die Mutter ist früh verstorben, der Vater ein exzentrischer Künstler mit Alkoholproblem, die Kinder verehren ihn, sie sind ein eingespieltes Team, jeder in der Familie hat eine feste Rolle. Doch nun beginnen sie, die Vergangenheit zu hinterfragen, es kommt zu Konflikten und Geheimnisse werden aufgedeckt. Stück für Stück wird deutlich, wie sehr alle von ihrem Vater geprägt wurden.

Dieses wunderschöne Buch ist für alle ein Leseerlebnis, die nicht nur einen leichten Sommerroman erwarten, sondern eine emotionale, spannende, konfliktreiche Familiengeschichte.

Petra Rieche [Juli 2026]


Markus Zabel, Verlassene Orte in Sachsen

erschienen im Sutton Verlag

Markus Zabel, ein junger Fotograf aus Jena, ist seit über zehn Jahren dem morbiden Charme verlassener Gebäude verfallen. Durch seinen besonderen Blick  und die ästhetisch weich wirkenden Bilder haucht er den Dingen wieder Leben ein. Es wirkt fast so, als wären die alten Gebäude im Dornröschenschlaf.

Schon am Anfang des Buches „Verlassene Orte in Sachsen“ können wir einen detailreichen Blick in das Alte Stadtbad in Leipzig werfen, das bekanntlich seit vielen Jahren auf seinen Prinzen wartet. Im Wesentlichen dürfen wir hier, ohne Hausfriedensbruch zu begehen, in Werkshallen, verlassene Kulturstätten oder Gasthäuser schauen - manchmal aber auch in eine verlassene Villa im Wald  oder einen Bauernhof. Orte, die davon erzählen, dass hier einst Menschen lebten und arbeiteten. Manchmal stehen die Bücher noch im Regal und auf dem Tisch sieht man Geschirr und eine leere Flasche Wein. Wenn die Menschen aber fort sind, werden die Gebäude zu Lost Places, sind Orte, die von der Vergänglichkeit menschlichen Seins berichten. Sie erzählen aber auch von gesellschaftlichen Umbrüchen, gerade im Osten Deutschlands, wo es praktisch keine Orte gibt in denen verlassene Gebäude  davon Zeugnis ablegen, dass es hier vor 30 Jahren einen gewaltigen Umbruch gab. In Leipzig hat sich ja der Stadtrat dazu bekannt, das historische Stadtbad in der Eutritzscher Straße nicht nur zu bewahren, sondern auch wieder in Nutzung zu bringen. Das Schicksal der meisten anderen Gebäude in diesem Bildband wird wohl weniger optimistisch aussehen. Aber hier werfen wir einen Blick in verlassene Gemäuer, deren Geschichte es wert ist, bewahrt zu werden, bevor sie in den nächsten Jahren aus unserem Leben verschwunden sein werden.

Barbara Weil [Juni 2026]


Sandra Lüpkes, Ein Ort der bleibt

erschienen im Rowohlt Verlag

Ein Ort der bleibt: Das ist der Botanische Garten in Istanbul. Unzählige Pflanzen gedeihen hier, aber auch die Schicksale von ganz besonderen Menschen verbinden sich hier zu einer außergewöhnlichen Geschichte. Im Roman „Ein Ort, der bleibt“ von Sandra Lüpkes begegnen wir Magda, Mehpare und Imke.

Magda flüchtet 1933 mit ihrem Mann Alfred Heilbronn und den beiden Söhnen von Münster nach Istanbul. Alfred hat seine Professorenstelle an der Universität verloren, weil er jüdischer Abstammung ist. Er nimmt ein Angebot an, in Istanbul einen Botanischen Garten mit Pflanzen aus aller Welt anzulegen. Magda, ebenfalls promovierte Wissenschaftlerin, aber vorrangig Hausfrau und Mutter, sieht in diesem Umzug in ein fremdes Land, in eine fremde Kultur auch die Chance ihr Wissen zu erweitern und fremde Sprachen zu lernen.  Mehpare ist eine sehr talentierte junge Botanikerin, die zu Alfreds Assistentin wird. Sie kümmert sich um die Bepflanzung des Gartens, um Beete und Gewächshäuser. Sie hilft der Familie sich in Istanbul einzuleben, wird eine wichtige Stütze für Alfred und eine Freundin für Magda.Imke, eine junge Stadtplanerin, kommt Jahrzehnte später nach Istanbul, um als Assistentin eines ehrgeizigen Architekten eine Expertise über die inzwischen verfallene Gartenanlage zu verfassen. Droht der komplette Abriss oder kann es wieder zu einem blühenden Garten werden?

Sandra Lüpkes hat einen sehr schönen berührenden Roman geschrieben, basierend auf der wahren Geschichte der Familie Heilbronn. Sie hat geschickt historische Ereignisse mit den persönlichen Schicksalen der drei Frauen verknüpft,  die alle mit dem Botanischen Garten verbunden sind. Es ist ein sehr spannender, unterhaltsamer und informativer Roman entstanden, den ich sehr gern gelesen habe.

                                                                                                          Petra Rieche [Mai 2026]


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