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Rachel Joyce, Sommerhaus

übersetzt von Karl-Heinz Ebnet

Thiele Verlag

In ihrem neuen Roman nimmt uns Rachel Joyce, Autorin des Welterfolgs „Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry“, mit in den Piemont, an die malerische Küste des Lago d`Orla. Im Mittelpunkt stehen die vier erwachsenen Geschwister, die nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters im Sommerhaus der Familie zusammen kommen und sich ihrer Familiengeschichte stellen.

Vic Kemp, ein erfolgreicher Künstler, eröffnet seinen Kindern, dass er sich in die fünfzig Jahre jüngere Bella-Mae verliebt hat und sie heiraten wird. Seine Kinder sind entsetzt und sie haben Bella-Mae noch nicht einmal kennengelernt, da bekommen sie die Nachricht, das Vic im See, den er wie seine Westentasche kennt, ertrunken ist. Wie konnte das geschehen? Steckt Belle-Mae dahinter? Die Geschwister reisen ins Sommerhaus und treffen dort auf die mysteriöse und geheimnissvolle Witwe und deren Cousin Laszlo. Es gibt keine Zeugen, kein Testament und das letzte Bild, an dem Vic gearbeitet hat, ist auch verschwunden.

Die Geschwister haben viele Fragen, doch Bella-Mae gelingt es, den Fragen auszuweichen und ihrerseits Fragen zu stellen. So kommt die verborgene Familiengeschichte ans Licht. Die Mutter ist früh verstorben, der Vater ein exzentrischer Künstler mit Alkoholproblem, die Kinder verehren ihn, sie sind ein eingespieltes Team, jeder in der Familie hat eine feste Rolle. Doch nun beginnen sie, die Vergangenheit zu hinterfragen, es kommt zu Konflikten und Geheimnisse werden aufgedeckt. Stück für Stück wird deutlich, wie sehr alle von ihrem Vater geprägt wurden.

Dieses wunderschöne Buch ist für alle ein Leseerlebnis, die nicht nur einen leichten Sommerroman erwarten, sondern eine emotionale, spannende, konfliktreiche Familiengeschichte.

Petra Rieche [Juli 2026]


Markus Zabel, Verlassene Orte in Sachsen

erschienen im Sutton Verlag

Markus Zabel, ein junger Fotograf aus Jena, ist seit über zehn Jahren dem morbiden Charme verlassener Gebäude verfallen. Durch seinen besonderen Blick  und die ästhetisch weich wirkenden Bilder haucht er den Dingen wieder Leben ein. Es wirkt fast so, als wären die alten Gebäude im Dornröschenschlaf.

Schon am Anfang des Buches „Verlassene Orte in Sachsen“ können wir einen detailreichen Blick in das Alte Stadtbad in Leipzig werfen, das bekanntlich seit vielen Jahren auf seinen Prinzen wartet. Im Wesentlichen dürfen wir hier, ohne Hausfriedensbruch zu begehen, in Werkshallen, verlassene Kulturstätten oder Gasthäuser schauen - manchmal aber auch in eine verlassene Villa im Wald  oder einen Bauernhof. Orte, die davon erzählen, dass hier einst Menschen lebten und arbeiteten. Manchmal stehen die Bücher noch im Regal und auf dem Tisch sieht man Geschirr und eine leere Flasche Wein. Wenn die Menschen aber fort sind, werden die Gebäude zu Lost Places, sind Orte, die von der Vergänglichkeit menschlichen Seins berichten. Sie erzählen aber auch von gesellschaftlichen Umbrüchen, gerade im Osten Deutschlands, wo es praktisch keine Orte gibt in denen verlassene Gebäude  davon Zeugnis ablegen, dass es hier vor 30 Jahren einen gewaltigen Umbruch gab. In Leipzig hat sich ja der Stadtrat dazu bekannt, das historische Stadtbad in der Eutritzscher Straße nicht nur zu bewahren, sondern auch wieder in Nutzung zu bringen. Das Schicksal der meisten anderen Gebäude in diesem Bildband wird wohl weniger optimistisch aussehen. Aber hier werfen wir einen Blick in verlassene Gemäuer, deren Geschichte es wert ist, bewahrt zu werden, bevor sie in den nächsten Jahren aus unserem Leben verschwunden sein werden.

Barbara Weil [Juni 2026]


Sandra Lüpkes, Ein Ort der bleibt

erschienen im Rowohlt Verlag

Ein Ort der bleibt: Das ist der Botanische Garten in Istanbul. Unzählige Pflanzen gedeihen hier, aber auch die Schicksale von ganz besonderen Menschen verbinden sich hier zu einer außergewöhnlichen Geschichte. Im Roman „Ein Ort, der bleibt“ von Sandra Lüpkes begegnen wir Magda, Mehpare und Imke.

Magda flüchtet 1933 mit ihrem Mann Alfred Heilbronn und den beiden Söhnen von Münster nach Istanbul. Alfred hat seine Professorenstelle an der Universität verloren, weil er jüdischer Abstammung ist. Er nimmt ein Angebot an, in Istanbul einen Botanischen Garten mit Pflanzen aus aller Welt anzulegen. Magda, ebenfalls promovierte Wissenschaftlerin, aber vorrangig Hausfrau und Mutter, sieht in diesem Umzug in ein fremdes Land, in eine fremde Kultur auch die Chance ihr Wissen zu erweitern und fremde Sprachen zu lernen.  Mehpare ist eine sehr talentierte junge Botanikerin, die zu Alfreds Assistentin wird. Sie kümmert sich um die Bepflanzung des Gartens, um Beete und Gewächshäuser. Sie hilft der Familie sich in Istanbul einzuleben, wird eine wichtige Stütze für Alfred und eine Freundin für Magda.Imke, eine junge Stadtplanerin, kommt Jahrzehnte später nach Istanbul, um als Assistentin eines ehrgeizigen Architekten eine Expertise über die inzwischen verfallene Gartenanlage zu verfassen. Droht der komplette Abriss oder kann es wieder zu einem blühenden Garten werden?

Sandra Lüpkes hat einen sehr schönen berührenden Roman geschrieben, basierend auf der wahren Geschichte der Familie Heilbronn. Sie hat geschickt historische Ereignisse mit den persönlichen Schicksalen der drei Frauen verknüpft,  die alle mit dem Botanischen Garten verbunden sind. Es ist ein sehr spannender, unterhaltsamer und informativer Roman entstanden, den ich sehr gern gelesen habe.

                                                                                                          Petra Rieche [Mai 2026]


Charles Lewinsky, Eine andere Geschichte

erschienen im Diogenes Verlag

Die Hauptfigur in Charles Lewinskys neuem Roman „Eine andere Geschichte“ ist Curtis Melnitz, eine schillernde Persönlichkeit mit Leipziger Wurzeln.  Wir erleben ihn selbst als Erzähler seiner Geschichte, er berichtet, fabuliert, schwindelt und korrigiert, schmückt aus und lässt Lücken, die sich dann wiederum füllen, je weiter der Roman voranschreitet. Charles Lewinsky gelingt es, durch diese Art des Erzählens sowohl seine Figur äußerst lebensnah und glaubwürdig dazustellen als auch den Forscherdrang der Leserschaft anzuregen.

Bei  den  wöchentlichen Therapiesitzungen bei seinem Psychoanalytiker erzählt Curtis über sein Leben, das ihn aus einer kleinen Speisewirtschaft am Leipziger Brühl bis in die Höhen von Hollywood geführt hat. Der mittlerweile achtzig Jahre alte Filmagent und -produzent hat eine atemberaubende Lebensgeschichte hinter sich, die von den 1880er Jahren bis in die 1960er reicht. Jung an Jahren steigt Curtis, damals noch Kurt Chmelnitzki genannt, in das illegale Geschäft mit schlüpfrigen Fotografien ein. Aufgrund dessen verlässt er überstürzt seine Heimatstadt und wandert nach Amerika aus. Dort versucht er, sich einen Namen in der Filmbrache zu machen und erlebt den Siegeszug der bewegten Bilder.

„Eine andere Geschichte“ ist eine abenteuerliche Story mit vielen Wendungen, die zugleich auch eine Geschichte des Kinos ist. Unterhaltsam, leicht, tiefgründig und anregend – nahezu perfekt! 

Doch wer war Curtis Melnitz wirklich? Charles Lewinskys Großmutter berichtete über eine Begegnung in den dreißiger Jahren: Zwei Autos seien vorgefahren am Leipziger Brühl. Aus einem stieg ein wichtiger Mann aus Hollywood, der sie warnte: „Verschwindet aus Deutschland, […] hier wird es für Juden ganz schlimm.“ Diese Erzählung hat Lewinsky nie losgelassen und daraus ist dieses Buch entstanden.

Ines Klisch  [April 2026]


Svenja Leiber, Nelka

erschienen im Suhrkamp Verlag

Die in Hamburg geborene Svenja Leiber (Jahrgang 1975) beschreibt in ihrem Roman das Schicksal von Zwangsarbeiterinnen aus Osteuropa während der Nazizeit.

Nelka, eine junge Ukrainerin, wird auf offener Straße von deutschen Soldaten aufgegriffen und mit zahlreichen weiteren Mädchen nach Norddeutschland verschleppt. Dort muss sie als Zwangsarbeiterin auf einem Gutshof schuften, anfangs auf den Feldern und im Stall, später holt sie der Gutsverwalter Marten als Bedienstete ins Gutshaus. Er ist von dem jungen stillen Mädchen fasziniert und möchte sie gern in seiner Nähe haben. Ihre Kenntnisse über die Apfelveredelung, die sie von ihrem Vater gelernt hat, der 1941 nach dem Einmarsch deutscher Soldaten erschossen wurde, machte sich Marten zu Nutze und später machte er mit seinem Apfelhof ein Vermögen. Nach über fünf Jahrzehnten kehrt Nelka auf den Hof zurück um ihrem Peiniger von damals nochmal in die Augen zu schauen. 

Mit klarer, kompromissloser Sprache schildert Svenja Leiber berührend, wie Männer und Frauen in der deutschen Fremde schuften mussten, gequält wurden und auch starben, wie die Deutschen die Gefangenen wie selbstverständlich als Sklaven behandelten. Leiber berichtet von den fürchterlichen Zuständen in den Zügen, in denen die Aufgegriffenen transportiert wurden, von den Zuständen auf den Höfen, wo sie in Schuppen und Ställen schlafen mussten. Und sie erzählt von Freundschaften und Zusammenhalt in dieser schwierigen Zeit.

Es wird heute angenommen, dass rund zwei Millionen Menschen für das nationalsozialistische Deutschland Zwangsarbeit leisten mussten. Ohne die von ihnen geleistete schwerste und oft tödliche Arbeit wäre sowohl die Ernährung als auch die Bewaffnung während des Krieges nicht möglich gewesen. Svenja Leibers Roman gibt diesen Schicksalen eine Stimme.

Petra Rieche [März 2026]


Buchhandlung Bücherwurm
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