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Callan Wink, Bärenzähne

aus dem amerikanischen Englisch von Hannes Meyer, erschienen bei Suhrkamp

Callan Wink entführt uns mit diesem Roman nach Montana in die Rocky Mountains, kurz unterhalb der Grenze zu Kanada. Auf einer Fläche so groß wie Deutschland leben hier zwischen den Rockies und der Prärie nur etwa eine Million Menschen. Es ist eine Wildnis, in der man gut verschwinden kann, wenn man will.

Die Brüder Thad und Hazen haben sich das aber nicht ausgesucht, sie sind hier in den Bergen geboren. Das Haus, in dem sie leben, hat ihr Großvater gebaut, doch nun, nach dem Tod des Vaters erleben sie eine ganz neue Situation. Der Vater hinterlässt nicht nur eine emotionale Leere, sondern auch einen Berg Schulden. Thad ist eher strukturiert und wortkarg, Hazen versponnen und risikobereit. Der Winter naht, das Dach ist undicht, das Konto leer. Was tun? Sie machen Brennholz, um es zu verkaufen. Wenn Sie wildern, um das Fleisch zu verkaufen, stehen Sie schon am Rand der Legalität. Da tritt ein windiger Geschäftsmann auf den Plan, der ihnen ein Angebot macht. Wenn Sie im Yellowstone Nationalpark wildern gehen sowie Geweihe und Kultobjekte indigener Völker stehlen, wären sie auf einmal ihre Schulden los. Eine gigantische Herausforderung für zwei junge Männer: Auf der einen Seiten die raue Natur, schwer zugängliche Gebiete im Winter und auf der anderen Seite die Banken im Genick.

Bärenzähne ist ein packender Roman über die Bürde, füreinander sorgen zu müssen, über die Schönheit und Lebensgefahr in der wilden Natur. Ein Buch über Männlichkeit, Stolz und Verletzlichkeit und auch eine Sozialstudie über das heutige Amerika und an den Glauben daran, dass man es schaffen kann, wenn man nur aus dem richtigen Holz geschnitzt ist.

Barbara Weil  [Februar 2026]


Anne Stern, Die weiße Nacht

erschienen im Piper Verlag 

Neues Jahr – neue Krimireihe! Die Berliner Autorin Anne Stern bleibt ihrem erfolgreichsten Genre treu und eröffnet neben der äußerst beliebten Buchserie um Hebamme Hulda Gold nun eine weitere Krimireihe in historischem Setting. Auch diese spielt in Berlin, nun in der unmittelbaren Nachkriegszeit.

Im kalten Hungerwinter 1946 findet die junge Fotografin Lou Faber eine Leiche in den Ruinen des kriegszerstörten Berlin, die auf seltsame Weise zurechtgelegt ist. Auch Kriminalkommissar Alfred König, reaktiviert und rehabilitiert nach Jahren politischer Haft, bemerkt dieses Detail und ermittelt akribisch in verschiedene Richtungen. Doch die Nachkriegswirren, das Chaos der Kriegszerstörungen, die nur mühsam in Gang kommenden staatlichen Strukturen, alte Seilschaften und die Last der jüngsten Vergangenheit erschweren die Arbeit und König stößt immer wieder auf Sackgassen und Schweigen. 

„Die Weiße Nacht“ spielt an nur wenigen Tagen im Dezember 1946, mitten im sogenannten Hungerwinter, dem schwersten und kältesten des 20. Jahrhundert. Wir erleben das alltägliche Leben in der kriegszerstörten Stadt, die nur langsam und auf zum Teil abenteuerlich provisorische Weise versucht eine Normalität zu leben. Besonders gut gelingt Anne Stern die Zeichnung der Hauptfiguren mit ihren biografischen Brüchen und den enormen Belastungen, die die Nazizeit, der Krieg und die unmittelbare Nachkriegszeit abverlangten. Ergänzt wird dies mit einem gelungen konzipierter Kriminalfall, der eines der vielen dunklen Kapitel der nationalsozialistischen Herrschaft beleuchtet sowie einem wirklich interessanter Einblick in die Geschichte der Fotografie. 

Anne Sterns „Die weiße Nacht“ ist ein rundherum gelungenes Buch, ein sehr guter Kriminalroman, der mit Volker Kutschers oder Thomas Ziebulas historischen Krimis der 30er und 40er Jahre nicht nur mithalten kann, sondern diese noch erweitert. Ich freue mich schon auf Band zwei, der hoffentlich nicht zu lange auf sich warten lässt…

Ines Klisch  [Januar 2026]


Axel Hacke, Wie fühlst du dich? Über unser Innenleben in Zeiten wie diesen

erschienen im Dumont Verlag

Nach seinem sehr unterhaltsamen Buch über körperliche Zustände mit dem treffenden Titel „Aua!“ hat sich der Altmeister des hintergründigen Humors Axel Hacke in seinem neuen Buch nun der menschlichen Psyche zugewandt. Gewohnt locker fabuliert er darin über allerlei seelische Sorgen, Ängste und Beschwerden, aber auch über Gefühle wie Freude, Verbundenheit und (Lebens-) Sinn. Und er geht auch auf die vielbeschworenen gegenwärtigen Gesellschaftszustände ein und betrachtet diese aus seinem Blickwinkel – mit Augenzwinkern, aber auch mit viel Empathie und Ernsthaftigkeit.

Beim Lesen mutet dieses Buch immer wieder ein bisschen an wie ein Hackesches Manifest der Lebensregeln, gewonnen aus genauer Beobachtung der Mitmenschen und der eigenen Wahrnehmung. So erleben wir hier bei allem humorvollen Situationsbezug den Autor als Vermittler und Mahner dafür, dem eigenen Gefühl zu trauen und das Gute, Wahre und Schöne – nach eigener Überzeugung – zu schätzen.

»[Axel Hacke] plädiert dafür, positiv zu sein, statt sich irgendetwas vorgaukeln zu lassen und selbst Buch zu führen über das Schöne, was man erlebt oder einem widerfährt.« sagt Jürgen Deppe, NDR Kultur, über den Münchner Autor und sein neues Buch. „Wie fühlst du dich?“ ist eine anregende Lektüre, die hoffnungsvoll in die Zukunft blickt – sehr passend zur Advents- und Weihnachtsbotschaft. Für ein besonders intensives Hacke-Erlebnis empfehlen wir das Hörbuch, natürlich eingesprochen vom Autor selbst!

Ines Klisch  [Dezember 2025]


Matthias Jügler (Hrg.), Wir dachten, wir könnten fliegen

erschienen bei Penguin Randomhouse

Eine bestrickende Idee steckt hinter dem Buchprojekt von Matthias Jügler „Wir dachten, wir könnten fliegen“: mittels einer Erzählung ein ausgestorbenes Tier wieder lebendig werden zu lassen und damit einen Beweis für die schöpferische Kraft von Literatur zu erbringen. Seine Intention war dabei auch, für die Natur zu sensibilisieren und auf Vergänglichkeit und Artensterben hinzuweisen. Für dieses Projekt versammelte Jügler nach eigenen Angaben von ihm verehrte Autorinnen und Autoren, 20 an der Zahl, deren Aufgabe es war, über ausgestorbene Tiere und Pflanzen zu schreiben.

Dabei entstand eine äußerst interessante Anthologie, die zum einen dem Ansinnen des Herausgebers mehr als gerecht wird, zum anderen aber auch die versammelten Autorinnen und Autoren in ihrem spezifischen Ausdruck abbildet – ein Panorama des gegenwärtigen Schreibens. Denn neben Melanie Raabe, Julia Schoch, Elena Fischer und Daniela Dröscher finden sich auch T. C. Boyle, Iida Turpeinen und Clemens Setz darunter sowie Kim de l’Horizon und natürlich die omnipräsente Caroline Wahl. Die verschiedenen Herangehensweisen an die Aufgabe, die vielfältige Sprache und die doch sehr unterschiedliche Stilistik machen diesen Band zu einem äußerst abwechslungsreichen Lese- und Bildungserlebnis.

Meine liebste Geschichte ist – wie sollte es anders sein – die von Iris Wolf: Sie beschreibt eine Begegnung mit einem Kaspischen Tiger, die letzte mit einem lebenden Exemplar, im Jahr 1974. Danach wurde das majestätische Tier nie wieder gesehen.

Ines Klisch  [November 2025]


T.C. Boyle, No Way Home

aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren, erschienen im Hanser Verlag

T.C. Boyle, einer der großen Kritiker der amerikanischen Gesellschaft, widmet sich in seinem neuen Roman nicht dem Thema Klimawandel oder sozialpolitischen Themen. In „No Way Home“ geht es um eine Dreiecksbeziehung, um das Chaos, das Menschen einander antun, wenn Emotionen unkontrolliert die Oberhand gewinnen.

Terry, 31 Jahre alt, angehender Assistenzarzt in Los Angeles, kommt nach Boulder City in der Nähe von Las Vegas, um den Nachlass seiner Mutter zu klären. Diese hat ihm nach ihrem plötzlichen Tod ein kleines Häuschen samt Hündin Daisy hinterlassen. In einer Bar begegnet er Bethany, eine unabhängige junge Frau, hinreißend schön, die an der Rezeption des örtlichen Krankenhauses arbeitet. Sofort flirrt die Luft und sein exakt durchkalkulierter Zeitplan löst sich in Luft auf. Doch bald taucht ein Gegenspieler auf, der Ex-Lover von Bethany, ein Biker mit kurzgeschorener Frisur, ein tätowiertes Raubein und somit so ziemlich das Gegenteil von Terry, dem planvoll durchstrukturiertem Pragmatiker. Jesse lässt es sich nicht nehmen, das Greenhorn aus L. A. eindrücklich zu warnen: Das wird Ärger geben, und es gibt bald Ärger! Aber der Antiheld Terry lernt sich zu wehren…

 T.C. Boyle erzählt diese Geschichte aus der Perspektive seiner zentralen Figuren.  Die männlichen Revierkämpfe wirken fast animalisch und Bethany, hin und hergerissen zwischen den zwei Charakteren, verliert die Erdung und lässt sich mitreißen in Ihrer Überforderung und Abhängigkeit. Jeder hat hier seine eigene Wahrheit. T.C. Boyle überlässt dem Leser, sicherlich augenzwinkernd, das Urteil zwischen Emotionalität, Passivität und  körperlicher Gewalt und schafft hier wohl doch einen Vergleich mit dem heutigen Amerika.

 

Barbara Weil  [Oktober 2025]


Buchhandlung Bücherwurm
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